Erich Ohser-e.o.plauen (1903 - 1944)

Forschungsstand: August 2009

 

1903
Kurt Erich Ohser wird am 18. März im vogtländischen Untergettengrün als Sohn des Unterfeldwebels und Grenzaufsehers Albert Paul Richard Ohser und seiner Ehefrau Paula geboren. Das waldreiche westsächsische Grenzgebiet zu Bayern und Böhmen bildet den Hintergrund der ersten Lebensjahre.

 

1909
Im Frühjahr des Jahres wird Paul Ohser als Steueraufseher zur Königlichen Bezirkssteuereinnahme in die Vogtlandmetropole Plauen versetzt. Erich geht ab Ostern in eine Plauener Bürgerschule.

 

1911-1916
Ohser besucht die Plauener Seminar-Übungsschule, eine Einrichtung, die auf das Lehrerseminar vorbereiten soll. Unter dem Eindruck des Kriegsgeschehens zeichnet der Schüler die Mappe: Mein Krieg.

 

1917-1920
Ohser wird aufgrund der Kriegsverhältnisse Schlosserlehrling und absolviert die entsprechende Gesellenprüfung mit „Gut" und „Sehr Gut".


1920-1927
Der passionierte Zeichner ist zunächst Abendschüler an der Staatlichen Akademie für Graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, ab 1921 auch deren regulärer Student. Ohser beendet seine Akademiezeit als Meisterschüler von Prof. Hugo Steiner-Prag, dem 1933 emigrierten Illustrator von Meyrinks Golem.

Erich Ohser in einem Berliner Café, März 1928 Erich Ohser in einem Berliner Café, März 1928

1922
Erich Ohser erhält ein Stipendium des Sächsischen Wirtschaftsministeriums und stellt in der Plauener Buch- und Kunsthandlung Aurich aus. Er lernt den Redakteur der Volkszeitung für das Vogtland, Erich Knauf, kennen und zeichnet für dessen Feuilleton.


1923
Beginn der Freundschaft mit dem Redakteur der Neuen Leipziger Zeitung (NLZ) Erich Kästner. Ohsers Karikaturen werden nun über die Plauener Volkszeitung hinaus auch in der NLZ und im Sächsischen Volksblatt Zwickau veröffentlicht.

 

1927
Im Frühjahr betreiben sächsische Zeitungen die Skandalisierung des Kästner-Ohser-Opus: Abendlied des Kammervirtuosen. Der Vorgang führt zur Kündigung des Redakteurs Dr. Erich Kästners und beendet zunächst auch Ohsers Mitarbeit an der NLZ. Kästner übersiedelt nach Berlin, Ohser erhält im April mit sehr gutem Erfolg das Abgangszeugnis der Leipziger Akademie. Er folgt Kästner zum Jahresende in die Reichshauptstadt. Marigard Bantzer, eine Tochter des Malers und Hofrates Professor Dr.-Ing. h.c. Carl Bantzer, und ihr Kommilitone Erich Ohser verlieben sich und gehen eine Beziehung ein.

Marigard Bantzer, 1926 Marigard Bantzer, 1926

1928
Der Zeichner reist nach Litauen, Umschlag und Illustrationen zu Kästners erstem Gedichtband „Herz auf Taille" entstehen. Erich Knauf wird am 1. Juli Cheflektor der Berliner Büchergilde Gutenberg. Ohser zeichnet auch für Knaufs Büchergilde und wird Mitglied der SPD.

 

1929
Ohser reist mit Kästner nach Paris. Der Zeichner illustriert den 1930 bei der Büchergilde erschienenden Band des sowjetischen Autors Michail Soschtschenko: Die Stiefel des Zaren. Erzählungen aus dem heutigen Russland. Im September wird Ohser Karikaturist des sozialdemokratischen Vorwärts.

 

1930
Ohser und Kästner reisen nach Sowjet-Russland. Der Besuch der Städte Moskau und Leningrad, wie die Visite bei Michail Soschtschenko, ernüchtern Ohser und schärfen den Blick für die politischen und sozialen Verhältnisse in der Sowjetunion. Ohser realisiert den Umschlag und die Vignetten zu Kästners drittem Gedichtband: Ein Mann gibt Auskunft. Marie Luise Irmgard (Marigard) Bantzer und Erich Ohser heiraten am 18. Oktober in Marburg.

 

1931
Ohser zeichnet für die Berliner Neue Revue die politischen Satiren: Dienst am Volk, Wohin rollst Du, Goebbelchen! und Göbbels macht Toilette. Sohn Christian wird am 20. Dezember geboren.


1932
Erich Kästners vierter Lyrikband: Gesang zwischen den Stühlen wird von Ohser mit einem Umschlag versehen, der die Stimmung am Ende der Republik von Weimar ausgesprochen treffend charakterisiert und die tiefe Verunsicherung breiter Bevölkerungsschichten illustriert.

 

1933-1934
Am 10. Mai 1933 verbrennen die Nationalsozialisten auf dem Berliner Opernplatz nach Karl Marx und Karl Kautsky gleich Eingangs Kästners Frühwerk, samt der von Ohser ausgestatten Lyrik. Die letzten Vorwärts-Karikaturen des Zeichners werden im Februar 1933 gedruckt, allerdings kann Ohser 1933/34 in der Neuen Leipziger Zeitung und im Berliner Acht-Uhr-Abendblatt weiter publizieren. Dazu legitimiert ein provisorischer Ausweis des Reichsverbandes der Deutschen Presse. Januar 1934 wird jedoch Ohsers Antrag auf Aufnahme in den Reichsverband abgelehnt. Der eigenhändigen Notiz des Zeichners folgend, ist die Entscheidung allerdings [...] Mitte März rückgängig gemacht worden. [...]. Trotzdem kann Ohser auch in den inkriminierten Monaten Februar und März 1934 veröffentlichen. Schließlich erscheinen ab dem 13. Dezember 1934 in der Berliner Illustrierten Zeitung (BIZ) Vater und Sohn - allerdings nun unter dem Pseudonym. e.o.plauen entwickelt dort diverse satirische Subtexte, integriert in seine Bilderstrips Parodien auf die NS-Führung und das Geschehen im Dritten Reich.


1935
Die erste (gelbe) Sammelausgabe Vater und Sohn kommt auf den Markt.

 

1936
Die Berliner Staatspolizeistelle bezeichnet Erich Ohser im Januar gegenüber dem Geheimen Staatspolizeiamt Berlin, Prinz-Albrecht-Strasse, als Dissident. Dem folgend informiert die Gestapo den Landesverband Berlin im Reichsverband der Deutschen Presse über Ohsers Nichteignung als Schriftleiter und empfiehlt den Ausschluß aus der Reichskulturkammer (Reichsschrifttumskammer). Der Landesverband löscht im Februar die [...] s. Zt. auf Widerruf erfolgte Eintragung in die Berufsliste der Schriftleiter [...]. Außerdem fordert die Gestapo von der Berliner Staatspolizeistelle die [...] beschleunigte Beschaffung eines Exemplars des Karikatur-Buches "Vater und Sohn". Ende April hebt der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, jedoch die Entscheidung des Leiters des Landesverbandes Berlin zu Gunsten Ohsers persönlich auf. Der Pressezeichner wird endgültig in die Berufsliste der Schriftleiter eingetragen. Anlässlich des Weihnachtsfestes erscheint der zweite (rote) Broschurband Vater und Sohn.

 

1937
Im Dezember veröffentlicht BIZ als letzten Vater und Sohn-Strip: Das größte Abenteuer.

"Das größte Abenteuer", später "Abschied" genannt "Das größte Abenteuer", später "Abschied" genannt

1938
Der dritte (blaue) Vater und Sohn-Band erscheint zum Osterfest im Deutschen Verlag (bisher Ullstein). Ohser zeichnet für die BIZ den V&S-Nachspann: Was sich Vater und Sohn erzählen. Außerdem veröffentlicht die Illustrirte aus der Feder e.o.plauens zum Teil ganzseitige Sampler mit Humoresken und Cartoons.

 

1939
Im Frühsommer besucht Familie Ohser England. Am 1. September beginnt der Zweite Weltkrieg. - e.o.plauen zeichnet für die BIZ die Cartoon-Posse: Die Wahrheit über die „Athenia" und glossiert damit den Wahrheitsgehalt der verlogenen Goebbelsschen Presse-Sprachregelungen?

1940-1944
Ohser karikiert für die ab Mai 1940 neu erscheinende NS-Wochenschrift Das Reich. Bis März 1944 werden auf deren Seiten mehr als 800 seiner Kriegs-Capriccios publiziert. In den schon vielfach erprobten Formen des kleinen Widerstandes entwickelt e.o.plauen erneut subversive Gleichnisse und persifliert Hitler, zeigt die Alliierten und meint den NS-Staat.

 

1942
Ohser reist zur Biennale nach Venedig und stellt im Deutschen Pavillon aus.

Reisepass für Erich Ohser vom 17. August 1942 Reisepass für Erich Ohser vom 17. August 1942

1943
Ohsers Atelier in der Budapester Straße wird von Fliegerbomben getroffen. In der Verlustliste führt Ohser 40 vernichtete Zeichnungen auf. Die Wohnung der Familie in Wilmersdorf wird gleichfalls beschädigt. Marigard und Christian Ohser übersiedeln nach Reichenbach an der Fils. Erich Ohser zieht mit Erich Knauf nach Berlin-Kaulsdorf, Am Feldberg 3.


1944
Der Hauptmann Bruno Schultz und dessen Ehefrau Margarete denunzieren regimefeindliche Äußerungen von Erich Ohser und Erich Knauf. Am 28. März 1944 verhaftet die Gestapo beide als Wehrkraftzersetzer. Ohser greift dem Urteil vor und nimmt sich in der Nacht vom 5. zum 6. April 1944 in der Untersuchungshaftanstalt Berlin Alt-Moabit das Leben. Knauf, vom Präsidenten des Volksgerichtshofes, Roland Freisler, zum Tode verurteilt, wird am 2. Mai im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. Die Urne Erich Ohsers, zuerst in Reichenbach an der Fils beigesetzt, kann, entsprechend Ohsers Wunsch, im Jahre 1968 in das Familiengrab auf dem Plauener Hauptfriedhof überführt werden.