Der unvollendete Meister der politischen Karikatur
Dienst am Volk, Zeitschriftencartoon. In: Neue Revue 1931
Noch im Jahre der Übernahme des Ohser-Werkes in die institutionelle Obhut des Vogtlandmuseums, einer Einrichtung des Plauener Kulturbetriebes,
wurde die zweite Publikation einer dreiteiligen Broschüren-Reihe herausgegeben: Das Katalogbuch Erich Ohser - e.o.plauen (1903-1944) Der politische Zeichner, Annäherung an eine Künstlerexistenz
in Weimarer Republik und Drittem Reich. Angelegentlich der gleichnamigen Exposition war damit ein Band erschienen, der prominente Wortmeldungen heraufbeschwor.
Prof. Dr. Gert Ueding, Seminar für Allgemeine Rhetorik der Eberhard Karls Universität Tübingen, schrieb im Jahre 2005 zu diesem Katalog-Essay an Ralf Oberdorfer, amtierender
Oberbürgermeister der Stadt Plauen: [...] Müllers Studie gehört gewiss zu den bedeutendsten Arbeiten über Ohser: Sie bewegt sich in neuen Bahnen, die den jetzt endlich (auch dank Ihrer
Initiative) zugänglichen Materialstand angemessen berücksichtigen können. [...] Dabei hat mich besonders an Müllers Darstellung überzeugt, dass er nicht in die leichtfertige
Verurteilungsrhetorik verfallen ist, mit welcher die Generation der Nachgeborenen üblicher weise solche Entdeckungen kommentieren. Wer in Deutschland bleiben wollte oder musste, war gezwungen sich
anzupassen: „Das Reich" bot vielen Journalisten und Schriftstellern von tadellosem Ruf (die also weder Nationalsozialisten waren, noch als Parteijournalisten gelten wollten) die Möglichkeit zu
überleben - einen Publikationsort also (z. B. Edurad Spranger, Max Bense, Theodor Heuß, Mac Planck, W.E. Süßkind, L.G. Buchheim, Walter Henkels usw. usw.) Ohser befand sich also in guter
Gesellschaft. Wer publizieren wollte, weil dies eben seine Profession war, musste Kompromisse eingehen. Müller analysiert sehr genau das journalistische Rollenspiel, das Ohser (wie seine ihm in der
antinazistischen Gesinnung verwandten Kollegen) in einer erstaunenswerten zeichnerischen Vollkommenheit getrieben hat, auch wenn die Spielräume eng waren und mit jedem Jahr enger wurden. Führte er
doch eine Art Doppelleben, um in Zeiten politischer Repression mit relativ reinem Gewissen überleben zu können. Es gibt in seinem Werk nicht die Heldenfigur des reinen guten Nazi-Repräsentanten und
es gibt keine antisemitische Karikatur - alles Tatbestände, die Müller deutlich macht, und die erst im Kontext der Anpassungsleistung, zu denen Ohser gezwungen war, ihren wahren Sinn enthüllen -
unter Bedingungen der Zensur (schon Heinrich Heine hat das sarkastisch gezeigt) sind die Auslassungen oft aussagekräftiger als die eigentlichen Produkte. Insgesamt kann man sagen, dass wir jetzt ein
sehr viel differenzierteres, aber auch lebensnäheres Bild Ohser/e.o.plauen haben (meisterhaft: Müllers Interpretation der Karikatur „Kriegsschuldpropaganda" von 1942), das sicher in manchem noch
ergänzt werden muss [...], das aber schon heute mit liebgewordenen Vorurteilen aufräumt. Auch muss gerade die von Müller so genannte "Substruktion" noch umfänglicher aus den Karikaturen
„gelesen" werden - Ohser war auch ein Meister in der zeichnerischen Sklavensprache. [...] Immerhin mögen meine Überlegungen Sie, sehr verehrter Herr Oberbürgermeister, darin bestärken, den
jetzt eingeschlagenen Weg eine wissenschaftlich-seriösen Ohser-Forschung auch mit der Kraft Ihres Amtes weiter zu unterstützen. [...]
Erich Ohser – e.o.plauen (1903-1944) Der politische Zeichner - Annäherung an eine Künstlerexistenz in „Weimarer Republik“ und „Drittem Reich“, Detlef Manfred Müller, Vogtlandmuseum Plauen 2004