Ein Idyll mit doppeltem Boden?

Über drei Jahre hinweg publiziert der Zeichner die an kaligraphische Vorbilder erinnernden Strips. Angereichert mit frankophilem Esprit, einem Mitbringsel der 1929er Parisreise, stehen sie diametral zum Umfeld der Veröffentlichung: Adolf Hitlers Drittem Reich und thematisieren im doktrinären Führerstaat den Umgang mit Autorität. Außerdem gelten e.o.plauens ingeniösen Erfindungen als frühester Comic des deutschsprachigen Raumes. Regelrecht begeistert aufgenommen, verstärkt er die schon enorme Verbreitung der auflagenstärksten illustrierten deutschen Wochenschrift. Die Figuren gelten bald als Imageträger, sind begehrte Objekte des Merchandisings. Fast synchron mit der Illustrirten bringt das Verlagshaus Ullstein bis 1938 auch drei Buchausgaben heraus. Ein Klassiker ist geboren - noch heute erscheinen die gelben, roten, blauen Bände beim Südverlag Konstanz. Doch die Sammlungen verlieren dabei etwas Wesentliches: den politischen Hintergrund. Bis auf wenige Beispiele geht jener Dialog zwischen den figurativen Erfindungen und der Zeitgeschichte verloren. Übrig bleibt die vermeintlich Idyllik.

Ullstein 1935 - Ullstein 1936 - Deutscher Verlag 1938 Ullstein 1935 - Ullstein 1936 - Deutscher Verlag 1938

Bis heute wird der Verlust jener historischen Grundierung eigentlich nicht als Defizit empfunden. Der Betrachter kommt gut ohne die ausgeblendeten NS-Totale, ohne fragwürdige Nazi-Staffagen aus, bezahlt dafür allerdings mit fehlender Tiefenschärfe. Dabei illustriert BIZ das nationalsozialistische Jahrzwölft überaus eindringlich, zeigte ein zum besseren Verständnis der Bildgeschichten an sich unverzichtbares Geschehen. Hinzu kommt, dass renitente Ullstein-Redakteure, Ohsers papierene Attentate in den Kontext der dominanten NS-Bilder stellen, die Strips, den Fotografien, Titeln und Texten des Blattes zu arrangieren. Durchaus ironisch gemeinte Kompositionen sind das Ergebnis. Redaktion und Zeichner setzen auf Andeutungen, das genaue Schauen. Die Idyllen werden folglich zu verblüffenden Satiren auf die NS-Größen.

Erich Ohser – e.o.plauen (1903-1944) Vater und Sohn & die Berliner Illustrirte Zeitung, Detlef Manfred Müller, Galerie e.o.plauen 2009 Erich Ohser – e.o.plauen (1903-1944) Vater und Sohn & die Berliner Illustrirte Zeitung, Detlef Manfred Müller, Galerie e.o.plauen 2009

Konnten wir Ihr Interesse am ersten deutschen Langzeit-Comic erneut wecken? Wenn ja, blättern Sie doch einmal im Plauener Katalogbuch „Vater und Sohn & die Berliner Illustrirte Zeitung". Folgen Sie uns in die Kulissen der historischen Berliner Illustrirten. Aufschlussreiche Analysen offerieren eine Lesart, die Erich Ohsers Intentionen durchaus entsprochen hätte.